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Armin G. Wildfeuer
in: Lebendiges Zeugnis 74 (2019/4), 42-55
Publication year: 2019

Auf den ersten Blick scheint die Philosophie der Gegenwart keine einheitliche Fragestellung zu besitzen. Bei genauerer Betrachtung und unter Einbeziehung ihrer Vorgeschichte jedoch wird in der Vielzahl ihrer Ansätze und Strömungen ein ähnliches Anliegen sichtbar, das aus der Grundlagenkrise der Philosophie am Beginn des 20. Jahrhunderts resultiert. In deren Verlauf wurden alte Gewissheiten aufgelöst. Das wichtigste Krisensymptom ist der Verlust des Subjekts, das sich mühsam seinen Platz als autonome Geltungsinstanz im Laufe der Philosophie der Neuzeit und Moderne erkämpft hatte (Krings 1987; Schnädelbach 1992; dazu Wildfeuer 2016), ein Verlust, der aus einer Depotenzierung der Vernunft als der wichtigsten Bezugsgröße einer bis zum Ende des Deutschen Idealismus im Kern logozentrischen Philosophie resultiert. Auflösungserscheinungen des neuzeitlichen selbstbewussten und schöpferischen Ichs und seiner Vermögen zeigten sich freilich schon im 19. Jahrhundert. Denn die Vernunft als Leitinstanz bekam Konkurrenz vom Drang des Willens, den Trieben, der Sinnlichkeit und der Geschichte. Dies führte im 20. Jahrhundert nicht nur zum fast völligen Verschwinden des Subjekts, sondern auch zum Ende des Traums von der Philosophie als einer exakten Wissenschaft, wie ihn noch der Neukantianismus des 19. Jahrhunderts träumte. Philosophie verstand sich nun zunehmend als Orientierungswissenschaft, deren Deutung von Welt und Mensch die praktische Absicht und die Relevanz für das Leben angesichts einer zunehmend komplexer werdenden Welt nicht verbergen kann. Anstelle des Subjekts tritt nun die Sprache und die sprachlich vermittelte „Lebenswelt“ in den Mittelpunkt. Dies gilt für beide Hauptströmungen der Philosophie des 20. Jahrhunderts: sowohl für die vor allem in der angelsächsischen Welt verbreitete analytische Philosophie, deren wichtigste Schlüsselfigur Wittgenstein (1889-1951) ist, als auch für die primär geschichtlich-lebensweltlich orientierte Richtung der Philosophie, die kontinentaleuropäisch ist und als deren Schlüsselfigur Martin Heidegger (1889-1976) gelten kann.
Wer die Philosophie der Gegenwart verstehen will, muss daher ihre Vorgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert verstanden haben (Bedorf und Gelhard 2015; Graeser 2002; König 2014; Nida-Rümelin und Özmen 2012; vgl. etwa Rentsch 2019; Ruffing 2014). In diesem Prozess begreift sich Philosophie zunehmend nicht mehr als Hüterin ewiger Wahrheiten, sondern, so könnte man sagen, als kritische Zeitgenossin der Lebenswelt.