window.dataLayer = window.dataLayer || []; function gtag(){dataLayer.push(arguments);} gtag('js', new Date()); gtag('config', 'UA-123759341-2');
Armin G. Wildfeuer
in: Lebendiges Zeugnis 74/2 (2019), 35-42
Publication year: 2019

Europa lässt sich vielfältig aussagen. Nur durch Bezug auf eine Pluralität von Europabegriffen machen auch die vielfältig vorkommenden Narrative, in denen von Europa die Rede sein kann, Sinn, weil sie eben nur den Gehalt eines ganz bestimmten Europabegriffs oder einer ganz bestimmten Perspektive auf Europa erzählbar auf den Punkt bringen. Anstößig ist die Möglichkeit einer Pluralität von Europa-Begriffen und Europa-Narrativen freilich für diejenigen, die an einem Einheitsbegriff von Europa festhalten wollen und dies durch ein Einheits- und Exklusivnarrativ zu stützen versuchen. Dieses Narrativ geht von den Wurzeln Europas aus, idealisiert um der wurzelgegründeten Einheitlichkeit der Erzählung willen alle darauf beziehbaren Geschichtsverläufe, zieht daraus dann normative Folgerungen für die Zukunft Europas und desklariert all dies zum Identitätskern Europas und der Europäer. Beispielhaft liegt ein solcher Einheitsbegriff von Europa etwa der 2018 veröffentlichten „Pariser Erklärung“[1] einer Gruppe bedeutender christlicher Denker zugrunde. Allein schon der Titel „Ein Europa, wo(ran) wir glauben können“ lässt erkennen, dass für sie das „wahre Europa“ und das „Christliche Abendland“ Synonyme sind und der Sache nach in eins fallen müssen. Der Gedanke eines „wahren Europa“ ist freilich mehr etwas fürs Herz als für den Verstand. Denn dieser fordert, dass Gedanken zumindest „clare et distincte“ vorgestellt werden können müssen und nicht „confuse et obscure“ sein dürfen, um überhaupt Ausgangs- und Bezugspunkt vernünftiger Überlegungen sein zu können. René Descartes Minimalanforderung an vernünftige Vorstellungen am Beginn der Neuzeit lassen sich jedoch mit keinem Einheitsbegriff von Europas erfüllen, wie dessen realpolitische Wirkungslosigkeit, der beständige Streit darum und erst recht dessen ideologische Instrumentalisierbarkeit vermuten lassen. Aber wie, so ist zu fragen, lässt sich der Europabegriff dann in seiner Vielfalt kohärent aussagen, um dieser geschichtsklitternden Einheitsfalle zu entgehen?

Es lassen sich drei Begriffe von Europa unterscheiden, die alle „clare et distincte“ expliziert werden können: 1. ein geographischer Europabegriff, 2. Europa als ein sinnstiftender religiös-kultureller Referenzbegriff, und 3. ein Europabegriff, der für ein politisches Projekt steht. Die drei Europa-Begriffe sind nicht ineinander überführbar und nicht deckungsgleich verwendbar – weder in ihrem räumlichen Bezug noch in ihrer Genese und erst recht nicht ihrer Zwecksetzung nach.