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Armin G. Wildfeuer
Vortrag am 22. Oktober 2020 im Agricolaforum Chemnitz
Publication year: 2020

Spätmodernen Gesellschaften sind durch Hyperkomplexität aller Lebensverhältnisse geprägt. Obgleich das Individuum mit Blick auf das Gelingen seines Lebens dadurch einer permanenten Überforderungs- und Ernüchterungssituation ausgesetzt ist, wird die Möglichkeit des Scheiterns aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt, das Eingeständnis eigenen Scheiterns tabuisiert und der Umgang mit dem Gescheiterten durch Verweis auf die Zuständigkeit der bestehenden professionellen Hilfesysteme ghettoisiert. Denn es gehört zum Programm spät-moderner Gesellschaften, verbleibende Kontingenzen möglichst aktiv durch etatistische, soziotechnische und ökonomistische Interventionen beseitigen und rational auflösen oder zumindest an den Rand schieben zu wollen. Weil die Hoffnung besteht, auch das Scheitern mit fortschreitender Zivilisation in den Griff zu bekommen, wenn nicht gar prinzipiell vermeiden zu können, wird das konkrete Scheitern zum schicksalhaften, in der Bedeutung für das menschliche Leben insgesamt vernachlässigbaren Rest zivilisatorischer Existenz degradiert und in seiner generellen Bedeutung für das Ganze der menschlichen Existenz ausgeblendet.

Dies verkennt freilich, dass Menschsein und Scheitern, wie uns die philosophische Anthropologie lehrt, unweigerlich zusammengehören. Denn die Fähigkeit zu scheitern ist nichts anderes als die Kehrseite dessen, was den Menschen als Vorzug auszeichnet, nämlich endliche Freiheit und endliche Vernunft.