Armin G. Wildfeuer
in: Handwörterbuch Philosophie, hrsg. von D. W. Rehfus, Göttingen 2003, 599f.
Publication year: 2003

Reservatio mentalis

Neulat. ›Gedankenvorbehalt‹: Der bei einer in mündlicher oder schriftlicher Form abgegebenen Erklärung / Aussage (z. B. Eid, Schwur, Vertrag, Versprechen, Deklaration, Bekenntnis, Mitteilung etc.) absichtlich in Gedanken gemachte (innere oder geheime) Vorbehalt. Dieser besteht darin, einen erfragten Sachverhalt – zum eigenen Vorteil oder zum Vor- oder Nachteil anderer – nicht in vollem Umfang, sondern eingeschränkt (daher auch: restrictio mentalis ) wiederzugeben, dabei aber eine Formulierung zu wählen, die dem Buchstaben nach nicht der Lüge oder des Wortbruchs geziehen werden kann.

Je nach der Möglichkeit der grundsätzlichen Erkennbarkeit eines geheimen Vorbehalts für andere werden zwei Formen unterschieden: 1. Der ›eigentliche‹ oder ›reine‹ geheime Vorbehalt (reservatio / restrictio pure mentalis ) liegt dann vor, wenn einer Erklärung oder einer Aussage ein nicht ausgedrückter erläuternder oder berichtigender Beisatz, eine Bedingung bzw. eine Einschränkung hinzugefügt wird, die vom Empfänger nicht vermutet werden kann und daher prinzipiell auch nicht erkennbar ist (z. B. die Antwort des Schülers auf die Frage des Lehrers nach dem Grund seiner gestrigen Abwesenheit: ›Ich war krank‹ – mit der unausgesprochenen Einschränkung: ›vor einem Jahr‹). 2. Von einem ›uneigentlichen‹ geheimen Vorbehalt (reservatio / restrictio non pure mentalis oder late mentalis , auch amphibolia , List oder sophistischer Schwur) spricht man dann, wenn die Ausdrücke einer Erklärung so gewählt werden, dass sie aufgrund einer bewusst eingesetzten begrifflichen Zwei- oder Mehrdeutigkeit (Äquivokation) in einem anderen als dem vordergründig situationsgerechten Sinn verstanden und durch diese stillschweigende Einschränkung später zum eigenen Vorteil ausgelegt werden können, wobei diese List für einen aufmerksamen Erklärungsempfänger prinzipiell durchschaubar gewesen wäre (z. B. eine für fünf ›Tage‹ vereinbarte Waffenruhe wird in den Nächten gebrochen).

Die Mentalreservation wird der Sache nach schon bei Cicero als Lüge, bei Augustinus im kirchlichen Lehramt und später in allen deontologischen Ethiken (z. B. bei Kant) als Verstoß gegen die Pflicht zur Aufrichtigkeit subjektiver Stellungnahmen (Wahrhaftigkeitspflicht als subjektive Verpflichtung zur Wahrheit) gewertet und daher als sittlich kategorisch verwerflich eingestuft. Jedoch ist die Überlegung, ob und unter welchen Bedingungen der Wahrhaftigkeitspflicht Grenzen gesetzt sind, immer wieder Bestandteil der ethischen Diskussion spätestens seit der Zeit der Spätscholastik (Moralisten des 17. Jhs.) und in der Kasuistik der Neuscholastik. Wenngleich dabei – von Ausnahmen abgesehen – Einigkeit darin bestand, den eigentlichen Gedankenvorbehalt mit der Lüge gleichzusetzen, so konnte der uneigentliche Gedankenvorbehalt schon der Sache nach nicht als Lüge gewertet werden, weil Grund der Täuschung nicht das verwendete Mittel, sondern die mangelnde Aufmerksamkeit des Kommunikationspartners ist. Auch ist es – folgt man mehr teleologisch orientierten Begründungsargumenten der Wahrhaftigkeitspflicht – nicht in allen Fällen geboten, dem Nebenmenschen die (volle) Wahrheit zu offenbaren, etwa dann, wenn in Situationen, in denen die Wahrhaftigkeitspflicht mit der Bewahrung anderer sittlicher Güter in Konflikt gerät (z. B. Schweigepflicht, Treuegebot etc.) und nicht die Möglichkeit des Stillschweigens gegeben ist, Rücksicht auf die Schwäche oder Böswilligkeit anderer zu nehmen, Schaden oder Nachteil für andere vorbeugend abzuwehren oder die Wahrheit für den anderen schädlich ist. Gefordert ist in diesen Fällen die Klugheit des gefragten Subjekts, mit Hilfe der Mentalreservation weder zu lügen noch die involvierten Personen zu gefährden.

M. von Aberle, Reservatio oder restrictio mentalis, amphibolia , in: Kirchenlexikon oder Enzyklopädie der katholischen Theologie, hg. von H. J. Wetzer / B. Welte, Bd. 9, Freiburg 1952, S. 217–220

G. Bien, Art. ›Mentalreservation‹ , in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, hg. von J. Ritter / K. Gründer. Bd. 5, Basel / Stuttgart 1980, Sp. 1138–1145

G. Kalinowski, Le problème de la vérité en moral et en droit , Lyon 1967

G. Müller, Die Wahrhaftigkeitspflicht und die Problematik der Lüge , Freiburg/Br. 1962

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