Armin G. Wildfeuer
(= Speculation und Erfahrung. Texte und Untersuchungen zum Deutschen Idealismus, hrsg. v. W. G. Jacobs, G. Orsi,, O. Pöggeler u. H. W. Schrader in Verbindung mit den Institutionen Fichte-Kommission der Bayerischen Akademie der Wissenschaften München, Hegel-Archiv der Ruhr-Universität Bochum, Istituto Italiano per gli Studi Filosofici Napoli, Schelling-Kommission der Bayerischen Akademie der Wissenschaften München, Abt. II, Bd. 35), Frommann-Holzboog Verlag: Stuttgart-Bad Cannstatt 1999 (598 Seiten), ISBN 978-3772818653
Publication year: 1999

This study attempts to describe J. G. Fichtes original reception of Kant which resulted from pre-Kantian philosophy, in particular from the examination of the dilemma of determinism, and its significance for the creation of the ‹Wissenschaftslehre‹ (Doctrine of Science). It was mainly Fichte‹s preoccupation with the ‹System der Notwendigkeit‹ (System of Necessity), developed by Karl Ferdinand Hommel (1722– 1781), a criminal law theoretician from Leipzig motivated by natural law, which played a key role this. This was due to the fact that Hommel‹s determinism, in particular its basic assumption resulting from the theory of capability, namely the interpretation of reason as a mere epiphenomenon of natural causality and the assertion of a constitutive primacy of the mind over the will, can be interpreted as a counter-matrix to Fichte‹s ‹System der Freiheit‹ (System of Freedom), in which the basic prerequisites of a theory of capability are reversed. Fichte‹s endeavors to systematically reconstruct the unity of reason in Kantian transcendental philosophy becomes clearer against this backdrop.

Gegenstand der entwicklungsgeschichtlich orientierten Untersuchung ist der Versuch, die aus der „vorkantischen“ Philosophie, insbesondere aus der Auseinandersetzung mit dem Determinismusproblem resultierende ursprüngliche Kant-Rezeption Johann Gottlieb Fichtes (1762-1814) und deren Bedeutung für die Entstehung der Wissenschaftslehre (= WL) darzustellen. Hierfür werden die mit Blick auf ihre entwicklungsgeschichtliche Relevanz bisher kaum untersuchten nachgelassenen Aufzeichnungen und veröffentlichten Schriften der Jahre 1780-1792 unter besonderer Berücksichtigung der in ihnen verarbeiteten vermögenstheoretischen Reflexionen einer detaillierten Analyse unterzogen. Die Untersuchung ist dabei von der These motiviert, daß Tendenz und Eigenart der Fichteschen Aneignung der Philosophie Kants, die sich eigentümlich von derjenigen der anderen Kantianer der Zeit – insbesondere durch ihre Schwerpunktsetzung auf den Versuch einer systematischen Rekonstruktion der Vernunfteinheit und die Anknüpfung an den Kantischen Freiheitsbegriff – unterscheidet, sich bereits vor Fichtes Auseinandersetzung mit der Elementarphilosophie Karl Leonhard Reinholds (1758-1823) in wesentlichen Zügen ausgeprägt hat. Die dabei zum Tragen kommenden Tendenzen der Interpretation und Rezeption der Kantischen Transzendentalphilosophie, insbesondere wie sie in den drei kritischen Hauptwerken (KrV, KpV, KU) vorliegt, sind, so das Ergebnis der Untersuchung, Reflex einer „vorkantischen“ Problematik Fichtes, die sich mit den Gegensatzbegriffen „Freiheitsglaube“ und Determination oder – in der Terminologie der reifen WL – „Idealismus“ und „Dogmatismus“ anzeigen läßt.

Den hermeneutischen Schlüssel für die Einlösung dieser entwicklungsgeschichtlichen These bilden die wenigen Seiten der 1790 verfaßten Aphorismen über Religion und Deismus. Sie bilden heuristisch gleichsam die Nahtstelle zwischen dem „vorkantischen“ und dem „kantischen“ Denken Fichtes. In ihnen kommt das Ringen Fichtes mit dem Problem des Determinismus und den sich daraus ergebenden Konsequenzen für Moralität und Religion einerseits und einem – wenngleich dort noch religiös motivierten – Freiheitsglauben andererseits besonders eindrucksvoll zur Darstellung. Vor allem Fichtes Auseinandersetzung mit einer bestimmten Ausprägung des Determinismus, wie sie sich in dem naturrechtlich motivierten „System der Notwendigkeit“ des Leipziger Strafrechtstheoretikers Karl Ferdinand Hommel (1722-1781) findet, kommt hierbei entwicklungsgeschichtlich eine herausragende Rolle zu. Denn der Determinismus Hommelscher Provenienz bildet gewissermaßen die Gegenmatrix zu der sich zwischen 1791 und 1794 ausbildenden WL; er bleibt aber auch im späteren Werk Fichtes als einzig konsequenter Gegenentwurf zum „System der Freiheit“ präsent. Von entwicklungsgeschichtlicher Relevanz erweist sich dabei vor allem die vermögenstheoretische Grundannahme dieser Determinismuskonzeption: nämlich die Deutung der menschlichen Vernunft als bloßem Epiphänomen der Naturnotwendigkeit, mit der Konsequenz, daß Hommel den konstitutiven Primat des Verstandes über den Willen bzw. – in Kantischer Terminologie – der theoretischen über die praktische Vernunft behaupten muß.

Denn im Hommelschen System des Determinismus ist der Wille gänzlich durch die Vorstellungen des Verstandes bedingt, die ihrerseits wiederum auf Sinneseindrücke zurückzuführen sind. Freiheit, Willkür und Moralität müssen auf dem Hintergrund einer solchen Vernunfttheorie folglich als bloße Täuschungen eines vollständig unter den Gesetzen der Naturnotwendigkeit stehenden, die eigenen Bedingtheiten aber verkennenden Subjekts erscheinen. Denn die „moralische Welt“ ist insgesamt durch die „physikalische Welt“ bedingt.

Die einzige Möglichkeit, den als in sich konsequent eingeschätzten Determinismus zu widerlegen und dadurch seinen Folgen zu entrinnen, besteht für Fichte darin, die Absolutheit, Unbedingtheit und Realität der Freiheit zum Ausgangspunkt der Weltkonstitution wie der Systemkonstruktion zu machen, mithin das Bedingungs- und Auflösungsverhältnis von „moralischer“ und „physikalischer Welt“ umzukehren. Das Verdienst aber, die gesuchte Unbedingtheit und Absolutheit der Freiheit erwiesen und ihn vom „Alptraum“ des Determinismus befreit zu haben, schreibt Fichte Kant, insbesondere seiner Kritik der praktischen Vernunft zu. Gleichwohl habe Kant, so die Kritik Fichtes, das Problem der Durchsetzung der Freiheit in der Sinnenwelt, des Ineinanders von Freiheits- und Naturkausalität, von intelligibler und phänomenaler Welt noch nicht in der nötigen Klarheit gelöst, mithin auch die Frage nach der Möglichkeit von „wirklicher“ Freiheit noch nicht ausreichend beantwortet. Gerade aber der Glaube an die Wirklichkeit der Freiheit und ihre Durchsetzbarkeit in der Sinnenwelt wird für Fichte – in Absetzung vom Determinismus – zum treibenden Movens seiner Fortentwicklung des Kantischen Kritizismus hin zur „Wissenschaftslehre“: „Ich bin wirklich frei, ist der erste Glaubensartikel, der uns den Übergang in eine intelligible Welt bahnt, und in ihr zuerst festen Boden darbietet. Dieser Glaube ist zugleich der Vereinigungspunkt zwischen beiden Welten, und von ihm geht unser System aus, das ja beide Welten umfassen soll.“ (SSL GA I/5, 56). Wirkliche Freiheit meint im Unterschied zur transzendentalen Freiheit die konkrete, auf Realisierung ausgehende Freiheit. Daher ist das Grundproblem des Systems die Frage nach der Möglichkeit der Realisierung des Sittengesetzes und mithin die Frage nach der Möglichkeit des Zusammenbestehens von Freiheits- und Naturkausalität. Soll Freiheit wirklich werden können, dann bedarf es jedoch einer vermögenstheoretischen Reflexion auf die Möglichkeit, den Zusammenhang der beiden für diese Bereiche oder Gebiete zuständigen und gesetzgebenden Vernunftvermögen bzw. die Möglichkeit der Vereinigung von theoretischer und praktischer Vernunft unter dem Primat der letzteren nachzuweisen. Fichtes WL, die sich als „das erste System der Freiheit“ (GA III/2, 298. 300) versteht, kann daher auch – neben anderen, primär bewußtseinsphänomenologisch orientierten Deutungen – als Bemühen gelesen werden, den vorphilosophischen Freiheitsglauben durch den Nachweis der vermögenstheoretischen Möglichkeitsbedingungen von Freiheit überhaupt zu rechtfertigen. Die Frage nach der Einheit der Vernunft ist somit die Fundamentalfrage Fichtes, der sich die nach der Einheit von intelligibler und sensibler Welt anschließt. Daher braucht es nicht zu verwundern, daß weniger die erste Kritik Kants als vielmehr die zweite und dritte Kritik den Ort des ursprünglichen Zugriffs Fichtes auf Kants Philosophie angibt. Die Auseinandersetzung mit den in ihnen angebotenen Lösungsversuchen, die Einheit von theoretischer und praktischer Vernunft, Natur- und Freiheitskausalität konsistent zu denken und zu diesem Behufe Kants vernunftteleologische Systemkonzeption mit einer aetiologisch-deduktiven, d. h. im Ausgang von einem höchsten Prinzip zu rekonstruierenden Systemkonzeption zu verbinden, ist tatsächlich das nachzuweisende Movens der Entwicklung Fichtes hin zur WL in den Jahren 1790 bis 1794. Der sie treibende Impuls wie die sie leitende Zielrichtung ist die Fichtesche Deutung der Bestimmung des Menschen zu absoluter Freiheit angesichts ihrer möglichen Gefährdung durch Natur und Sinnlichkeit.

Die vorliegende Untersuchung wird auf dem Hintergrund dieses komplexen entwicklungsgeschichtlichen Beziehungsverhältnisses von folgenden Interpretationsinteressen geleitet und motiviert:

  • Sie will erstens den bislang kaum erschlossenen Weg Fichtes hin zur Kant-Rezeption des Jahres 1790[1] auf dem Hintergrund der Determinismusproblematik und ihres eigentümlichen Vernunftkonzepts erschließen, um damit die Rekonstruktion des bisher nur unvollständig und lückenhaft erschlossenen Weges Fichtes von seiner ersten Rezeption der Kantischen Transzendentalphilosophie bis hin zur WL von 1794/95 als einheitlichen Problemzusammenhang vorzubereiten.
  • Die folgenden Überlegungen versuchen zweitens zu zeigen, daß Fichtes Kant-Rezeption in besonderer Weise am Problem einer einheitlichen, theoretisch-praktisch-prädisjunktiven Vernunfttheorie orientiert ist, wie sie Kant nach Fichtes Überzeugung durch die Trennung in einen theoretischen und praktischen Vernunftgebrauch sowie durch die Absonderung der reflektierenden Urteilskraft mit ihren je differenten Gegenstandsbereichen, Vernunftvermögen und Erkenntnismöglichkeiten nicht geleistet hat. Die Eigenart der Fichteschen Kant-Rezeption, vor allem mit Bezug auf den Vernunftbegriff, wird dabei als Folge seines frühen Determinismus gelesen, der auf eine monistische Sichtweise von Vernunft[2] als bloßem Epiphänomen der Naturkausalität rekurriert, in der durch den konstitutiven Primat des Verstandes über den Willen jede Selbsttätigkeit und Freiheit der Vernunft ausgeschlossen wird. Die Entwicklung hin zur WL kann auf diesem Problemhintergrund nur dann verständlich gemacht werden, wenn sie gelesen wird als der Versuch, Kants vernunftteleologisches durch das aetiologisch-bewußtseinsphänomenologische Systemkonzept Karl Leonhard Reinholds zu ergänzen mit dem Ziel einer Rekonstruktion der Vernunfteinheit aus den Kritiken Kants. Daß Fichte aber die Verbindung beider Systemkonzeptionen in der WL von 1794/95 noch nicht ausreichend gelungen ist, darauf deutet auch hin, daß die noch nicht geleistete Einheit von theoretischer und praktischer Vernunft zum inneren Bestimmungsgrund der Weiterentwicklung der WL bis 1800 wird.
  • Wie aus dem bisher Gesagten bereits hervorgeht, ist es drittens das Hauptziel der Untersuchung, eine Zugangsweise zu eröffnen, von der her die Eigenart der Fichteschen Kant-Rezeption in den Blick kommt. Das recht komplizierte Verhältnis Fichtes zu Kant und sein entsprechend vielschichtiges Kant-Bild ergibt sich aus der dreifachen Ausrichtung auf den Königsberger zugleich als dessen Nachfolger, Kritiker und Vollender. Die Kompliziertheit des Bildes wird dadurch gesteigert, daß das, was Fichte als freie Selbstergreifung des Gedankens zu vollziehen gewillt ist, ihm durch die Kant-Interpretation und -Kritik seiner Zeit schon mit bestimmten Akzenten versehen begegnet. Zudem ist das Problem kongenialer Auslegung evtl. durch Begriffe wie Rezeption und Interpretation nur unzureichend beschreibbar.

Ihrer Methode nach ist die Arbeit bemüht, in Absetzung von den meisten entwicklungsgeschichtlichen Untersuchungen die zur WL führende Genese der Fichteschen Philosophie in den Jahren 1780 bis 1792 nicht gleichsam a parte post, d. h. vom Endergebnis der WL 1794/5 her, sondern tatsächlich aus seiner Entwicklung, mithin aus Fichtes Denken, wie es sich seit 1780 und im Durchgang durch Kant ausgeprägt hat, zu interpretieren. Kants Philosophie ist, so läßt sich zeigen, nicht der anfangslose Ausgangspunkt des Fichteschen Denkens, sondern ein – wenn auch der wichtigste – Durchgangspunkt. Und es sind nur bedingt die vermeintlichen Dichotomien der Kantischen Philosophie, die Fichte über den Königsberger hinaustreiben. Der Vollendungsanspruch Fichtes gegenüber dem Kantischen Kritizismus wird sich daher auch nur sehr bedingt als Resultat der Reflexion auf tatsächliche Systemmängel der Kantischen Philosophie deuten lassen, wie dies von Denkern, die der Fichteschen Philosophie nahe stehen, unter Hinweis auf den mangelnden Nachweis der Vernunft- und Systemeinheit bei Kant vielfach behauptet wird.[3] Solche Deutungen reproduzieren und prolongieren damit nur die von Hegels und Schellings Kant-Deutung initiierte Interpretation der Entwicklung des Deutschen Idealismus als notwendigen Prozeß der Überwindung Kants[4], die in ihrer Unangemessenheit hinreichend als „philosophiehistorisches Klischee“ (vgl. M. Buhr/G. Irrlitz 1972)[5] entlarvt ist. Dennoch wurde die Deutung der Philosophie Fichtes als zwingend sich aus den Kantischen Dichotomien ergebender philosophischer Systementwurf[6], der erstmals die bei Kant prima vista noch unverbundenen Gebrauchsweisen der Vernunft zu einem harmonischen Ganzen verbindet, innerhalb der Fichte-Literatur vielfach zum heuristischen Prinzip und zum stehenden Topos, der nicht zuletzt von den bestätigenden Äußerungen F. W. J. Schellings[7] und G. W. F. Hegels[8] und der von ihnen als legitim betrachteten Unterscheidung von „Buchstabe und Geist“ der Kantischen Philosophie genährt wurde. Unter der Perspektive aber, daß die WL primär als konsequente Reaktion auf die Inkonsistenzen und Systemmängel der Kantischen Vernunftkritik gelesen werden kann, wie unter der wirkmächtigen Hegelschen Vorgabe, daß die Deutung der Genese des Deutschen Idealismus sich primär an der fortschreitenden Entwicklung der Idee des Selbstbewußtseins zu orientieren habe[9], mußte Fichtes vorkantisches Denken als philosophisch irrelevante „vita ante acta“ erscheinen, die der Erforschung nicht lohnt, zumal die für eine Theorie des Selbstbewußtseins unergiebigen frühen Schriften Fichtes für eine Theorie des Selbstbewußtseins unergiebig sind. Zwar fehlt es in keiner Darstellung des geistigen Werdegangs Fichtes an einem Hinweis auf Fichtes frühen Determinismus, von dem ihn Kants praktische Philosophie befreit habe. Dennoch hat es die Fichte-Forschung bisher versäumt, Herkunft und Struktur dieses Determinismus zu eruieren. Dies mag – einmal abgesehen von der schwierigen Quellenlage, die sich erst seit Erscheinen des ersten Nachlaßbandes der Kritischen Gesamtausgabe im Jahr 1962 (GA II/1) entscheidend verbessert hat – auch daran gelegen haben, daß die Kenntnisse von Fichtes geistiger Entwicklung während seiner Studien-, Kandidaten- und Hauslehrerjahre zwischen 1780 und 1790 eher lückenhaft sind und vordergründig kein sich durchhaltendes Problembewußtsein oder Motiv erkennen lassen.[10] Folglich ging man davon aus, daß Fichtes eigentlich philosophische Denkentwicklung erst mit seiner Kant-Rezeption ansetzt. Wurde dennoch versucht, trotz der dürftigen Quellenlage eine Antwort auf Fichtes geistige Entwicklung dieser Zeit zu finden, so beschränkte sich die Fichte-Forschung – vielfach mit Blick auf die Persönlichkeit und den Charakter Fichtes[11] – auf mehr oder weniger vage Hinweise zu geistes- und ideengeschichtlichen Bezügen, etwa zum Sturm und Drang oder zur Empfindsamkeit.[12] Ebensowenig erhellend sind die Versuche der ehedem marxistisch orientierten Fichte-Interpretation, in Orientierung an Fichtes politischen Schriften den Schlüssel zur Interpretation des Denkweges Fichtes in seiner Biographie zu finden.[13] Fichtes vorkantischer Determinismus und damit auch seine Bedeutung für die Eigenart des unmittelbaren Zugriffs Fichtes auf die Kantische Philosophie blieben so oder so eigentümlicherweise unerforscht.

Auf dem Hintergrund dieser Überlegungen und der daraus sich ergebenden Desiderate für die Fichte-Forschung gliedert sich die vorliegende Untersuchung zur ursprünglichen Kant-Rezeption Fichtes in fünf Teile: Ein erster Teil versucht das sehr komplexe Kant-Bild Fichtes vor allem mit Blick auf die Frage nach der Notwendigkeit einer systematischen Vereinheitlichung der drei Kritiken Kants sowie der beiden Gebrauchsweisen der Vernunft darzustellen. Fichtes WL ist, so soll gezeigt werden, als Versuch der Vermittlung des vernunftteleologischen Systembegriffs Kants und des aetiologischen, logisch-deduktiven Systembegriffs Reinholds zu interpretieren, ein Problem, dessen Lösung den gesamten Jenenser Systemzyklus bestimmt.

Ein zweiter Teil beschäftigt sich mit Fichtes „vorkantischem“ Denken und versucht, dessen Auseinandersetzung mit dem Determinismus darzustellen. Dabei muß auffallen, daß sich bereits in der sog. „Valediktionsrede“ von 1780 die Frage nach der Einheit der Vernunft und ihrer Gemütskräfte als die quaestio vexata der Fichteschen Ausführungen bestimmen läßt. Diese Einheit zerbricht für Fichte in den Jahren zwischen 1785 und 1790 kontinuierlich und führt schließlich zur Dichotomie von Spekulation und Empfindung, Determination und Freiheitsgefühl in den Aphorismen über Religion und Deismus von 1790. Gerade sie eignen sich als heuristischer Ausgangspunkt für die Suche nach dem spezifischen Vernunftbegriff des Fichteschen Determinismus. Sie belegen, daß Fichtes Determinismus einem geistesgeschichtlichen Vorbild verpflichtet ist, das Vernunft als Epiphänomen der Naturkausalität interpretiert und den konstitutiven Primat des Verstandes über den Willen betont. Auf diesem Hintergrund läßt sich Fichtes vorkantisches Denken interpretieren als beständige Auseinandersetzung mit der Frage um die rechte Konzeption der Einheit der Vernunft mit Blick auf die Bestimmung des Menschen zur Freiheit.

Auf dem in einem dritten Teil eröffneten Hintergrund der Rekonstruktion der Einheit von theoretischem und praktischem Vernunftgebrauch sowie des Problems der Vermittlung von Freiheit und Natur in Kants kritischen Schriften versucht ein vierter Teil, die besondere, aus der mechanistischen Vernunftkonzeption des Determinismus resultierende Eigenart der Fichteschen Rezeption des Kantischen vernunftteleologischen Systemkonzepts darzustellen. Die dabei offengelegte Tendenz der Kant-Rezeption läßt sich in einem fünften Teil an Fichtes Erstlingsschrift Versuch einer Kritik aller Offenbarung (1. Auflage) exemplifizieren, deren Ausführungen noch gänzlich frei sind vom Einfluß der Elementarphilosophie Karl Leonhard Reinholds. Fichtes Kant-Rezeption weist insgesamt hin auf den Versuch einer Fortbildung des regulativen Primats der praktischen Vernunft zum konstitutiven. Wie in einem Schlußteil gezeigt werden kann, ist es tatsächlich gerade das vermögenstheoretische Problem der Vermittlung von theoretischer und praktischer Vernunft, Natur- und Freiheitskausalität, das die Entwicklung des Denkens Fichtes auf dem Weg zur frühen WL zwischen 1792 und 1794 maßgeblich bestimmen wird.

[1]       Einzige Ausnahme bildet die entwicklungsgeschichtlich aufschlußreiche Studie zur frühen Religionsphilosophie Fichtes von R. Preul (1969).

[2]       Zum Begriff Monismus als Klassifikationskriterium des Philosophiebegriffs der Systeme J. G. Fichtes, F. W. J. Schellings und G. W. F. Hegels vgl. R.-P. Horstmann (1984 sowie 1990, 220 ff.).

[3]       Vgl. etwa bereits Fichtes Zeitgenossen J. B. Schad (1798 u. 1800-1803). In der Gegenwart wird der Vollendungsanspruch Fichtes in den Arbeiten von R. Lauth, J. M. W. Gliwitzky, B. Navarro und M. J. Siemek bestätigt. Sie deuten Fichtes WL als eine konsequente, sich aus der von Kant selbst nicht zuende gedachten Problemlage notwendig ergebende Weiterentwicklung des Kritizismus.

[4]       Vgl. die ganz in dieser Tradition stehende Entwicklungsgeschichte des deutschen Idealismus von R. Kroner (1921/24). Kroner stellt unter direkter Übernahme einer von Fichte geäußerten Kritik fest, daß, da Kant „einen so schroffen Unterschied zwischen dem theoretischen und dem praktischen Gebrauche der Vernunft macht“, er „nicht bis zur Einsicht in die spekulative Einheit aller Vernunfterkenntnis, bis zur systematischen Vollendung seiner Transzendentalphilosophie […] kommen [konnte]“ (Bd. 1, 363; vgl. ebd. 401 f., 519 Anm.). Zur Kritik des Kronerschen Buches insgesamt vgl. bereits K. Schilling-Wollny (1928/29), sowie W. Flach (1958), W. Biemel (1962) u. P. Baumanns (1972).

[5]       Die Destruktion der Möglichkeit einer progredienten Rekonstruktion des Deutschen Idealismus (etwa aus der Sicht Hegels) ist so weit fortgeschritten, daß H. Girndt (1984, 103) feststellen kann: ein Bekenntnis zu der auf Hegel zurückgehenden These wäre „heute […] das Eingeständnis sachlicher Inkompetenz“. Zur Kritik an der Hegelschen Selbstverortung vgl. auch K. Düsing (1983, bes. 160 ff.) sowie M. Baum (1988).

[6]       Nach J. H. Loewe (1862, 14) bedurfte es „nur des energischen Entschlusses, diese in der Kantischen Philosophie mit oder ohne den Willen des Urhebers unstreitig lesbaren Gedanken sich frei entfalten und zu einem Ganzen gestalten zu lassen, und das Ergebnis konnte im wesentlichen kein anderes als die Wissenschaftslehre sein“.

[7]       Vgl. P. Salvucci (1958) u. I. Görland (1973). Bereits der frühe Schelling rügt die „schwachen“ Seiten der Kantischen Philosophie, vor allem deren vermögenstheoretische Fundierung (SW I, 158 u. 219). Er moniert nachdrücklich, daß „die Kritik der reinen Vernunft unmöglich der Gang der Philosophie als Wissenschaft sein könne“ und daß „doch seine [sc. Kants] theoretische und praktische Philosophie schlechterdings durch kein gemeinschaftliches Prinzip verbunden“ ist (ebd. 153 f.). Auch das Argument der Zusammenhanglosigkeit der Kantischen Philosophie in ihrer in den Kritiken vorliegenden Form bemüht fast gleichzeitig mit Fichte auch Schelling – etwa in den Abhandlungen zur Erläuterung des Idealismus der Wissenschaftslehre, die zuerst 1796/97 in Fichtes und Niethammers Philosophischem Journal (vgl. SW I, 375) veröffentlicht worden sind. Schelling greift im übrigen bei der Einschätzung der Kantischen Philosophie auf die gleichen Formeln und Sprachregelungen zurück, die auch Fichte in seiner Charakterisierung der Verdienste und Mängel des Kantischen Unternehmens bemüht. „Die Philosophie ist noch nicht am Ende. Kant hat die Resultate gegeben, die Prämissen fehlen noch. Und wer kann Resultate verstehen ohne Prämissen? – Ein Kant wohl […]“ (Brief an G. W. F. Hegel v. 5. Jan. 1795, zit. n. FG I, 225). Wie Fichte beklagt auch Schelling den „Mangel eines begründeten Prinzips und eines festen Zusammenhanges der Kantischen Deduktionen“ (Über die Möglichkeit einer Form der Philosophie überhaupt 1794, SW I, 87; siehe auch ebd. 103 ff.). In der Einleitung zur Schrift Vom Ich als Prinzip der Philosophie (1795) erklärt Schelling sein Unternehmen zu dem Versuch, „die Resultate der kritischen Philosophie in ihrer Zurückführung auf die letzten Prinzipien alles Wissens darzustellen“ (SW I, 152). Die Überzeugung, daß ein solcher Versuch unternommen werden müsse, begründet er damit, daß nur diejenigen, die „wohl den Buchstaben, aber nicht den Geist“ der Kantischen Philosophie aufgefaßt haben, der These nicht zustimmen können, „daß der ganze Gang der Kritik der reinen Vernunft unmöglich der Gang der Philosophie als Wissenschaft sein könne“ (ebd. 153; vgl. auch 232 u. 375). Zu Schellings Anknüpfung an Kantische Problemstellungen vgl. M. Boehnke (1989).

[8]       Mit Blick auf die mangelnde Darstellung der Vernunfteinheit in Kants Philosophie beklagt G. W. F. Hegel in seinen Vorlesungen zur Geschichte der Philosophie (Teil III, 3. Abs. B), Kant habe „allenthalben das Ganze […] nach dem zwar geistlosen Schema der Triplizität ausgeführt, a) theoretische, b) praktische Vernunft, c) Einheit Beider, Urteilskraft […]“. Die Kantische Philosophie bedurfte daher notwendig der Weiterentwicklung, wie Hegel in seiner Schrift Differenz des Fichteschen und Schellingschen Systems der Philosophie (1801) ausführt: „Die Kantische Philosophie hatte es bedurft, daß ihr Geist vom Buchstaben geschieden und das rein spekulative Prinzip aus dem Übrigen herausgehoben wurde […].“ (GW 4, 5). Zur Kant-Kritik Hegels vgl. auch G. Kirscher (1970), R.-P. Horstmann (1968, 18 ff.), S. Priest (1986) u. K. Düsing (1983, 196 ff.). Zu Hegels Fehlinterpretation Fichtes vgl. W. R. Beyer (1962), J. Heinrichs (1972) sowie E. Winterhager (1979).

[9]       Vgl. in diesem Sinne bereits C. L. Michelet (1837/38) sowie H. M. Chalybäus (1837). Zur Kritik dieses Klassifikationskriteriums vgl. R.-P. Horstmann (1991, 23 ff.).

[10]      Auch der einzig nennenswerte Gewährsmann für den Werdegang seines Vaters, I. H. Fichte (1862, 3-39), kann nur einige Anhaltspunkte berichten. Darüber hinaus muß Fichtes unruhiger Geist in der Wahl seiner Berufsabsichten auffallen. So gibt er als Berufsabsichten an: Pfarrer und Prediger (vgl. u. a. GA III/1, 149 ff.), Jurist (ebd. 18), Fürstenerzieher (ebd. 40. 72. 107), sogar Staatsmann (ebd. 138. 223); er betätigt sich kurzfristig als Prediger (vgl. die erhaltenen Predigten GA II/1 u. 2), als Literaturkritiker (GA III/1, 135), als Schriftsteller (ebd. 131), Pädagoge und Hauslehrer (ebd. 141). Zudem nahm er Schauspielunterricht (ebd. 130. 166). Darüber hinaus hatte er eine Unzahl schriftstellerischer Pläne, von denen offensichtlich nur weniges zur Ausführung, nichts zum Druck gelangte. Fichte versuchte sich aber auch in der Gründung einer Redeschule (ebd. 30; vgl. den Plan anzustellender Redeübungen, GA II/1, 129 ff.). Angesichts der Vielzahl der angefangenen, zumeist aber gescheiterten Projekte mußte es in der Fichte-Forschung zweifelhaft erscheinen, inwieweit sich überhaupt eine sich durchhaltende Problemstellung seiner vorkantischen Periode feststellen läßt. Hinzu kommt, daß Fichte – eigenem Eingeständnis nach – sein Theologiestudium nur halbherzig betrieben hatte und sich eher zum Studium der Juristerei hingezogen fühlte (vgl. GA III/1, 18). Zu Fichtes Studienjahren vgl. insbes. die Darstellungen von X. Léon (1922-1924, I, 51-57) u. R. Lauth (1968).

[11]      Vgl. die zutreffenden methodologischen Überlegungen zum Problem eines psychologischen Portraits Fichtes von P.-P. Druet (1979).

[12]      So vertritt M. Wundts Schüler E. Gelpcke (1928, bes. 56-72. 274 ff.) die eigenwillige These, unter Hinweis auf Fichtes Charakter als Sturm-und-Drang-Typus auch die Ich-Philosophie als Ausdruck eines vom Sturm und Drang geprägten Lebens- und Selbstverhältnisses interpretieren zu können.

[13]      Vgl. v. a. etwa M. Buhr (1962d, 1965b, 1972, 1985, 1989), M. Buhr/G. Irrlitz (1968, 1979), G. Stiehler (1970), L. Berthold (1987), S. Dietzsch (1989) u. A. Gedö (1989); andeutungsweise auch M. J. Siemek (1981).

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