Armin G. Wildfeuer
in: G. Augustin/S. Sailer-Pfister/K. Vellguth (Hgg.), Christentum im Dialog. Perspektiven christlicher Identität in einer pluralen Gesellschaft (= Theologie im Dialog, Bd. 12), Freiburg i. Br. (Herder), 129-142
Publication year: 2014

Abhängig von dem in Anspruch genommenen Vernunftkonzept kann der Begriff „Dialog“ in einer zweifachen Bedeutung begegnen: zum einen im Sinne eines prinzipiell abschließbaren, weil durch die Vernunft geleiteten Diskurses, dessen Ertrag die konsensuelle Verständigung zwischen Subjekten ist, und zum anderen im Sinne eines unabschließbaren Prozesses, dessen Ertrag nicht das konsensuell festgehaltene Ergebnis, sondern der verwerfungsfreie dialogale Vollzug als solcher ist (1). Beide Konzeptionen des Dialogs unterscheiden sich insbesondere darin, welche Rolle sie der Bezugnahme auf Vernunft als einer überindividuellen Orientierungsgröße für das Gelingen des Dialogs zusprechen. Werden die Rolle und die Funktion der Vernunft als der friedensstiftenden Bezugsgröße des Dialogs – wie in der postmodernen Philosophie – soweit depotenziert, dass Vernunft als überindividuelle Bezugsgröße der Verständigung ausfällt und zu einer lediglich „transversalen“ Vernunft verkümmert, deren vornehmste Aufgabe darin besteht, Geltungsansprüche offen zu halten, dann muss der Dialog nicht nur ergebnisoffen bleiben, es verflüchtigt sich auch das Vernunftsubjekt, das den Dialog führt (2). Soll daher die Idee der prinzipiellen Abschließbarkeit eines Dialoges, die Voraussetzung der Sinnzuschreibung dialogalen Handelns ist, nicht aufgegeben werden, dann setzt dies das Festhalten am abendländischen Rationalitätsprojekt voraus (3).