Armin G. Wildeuer
in: D.W. Rehfus (Hg.), Handwörterbuch Philosophie, Göttingen (UTB) 2003, 592f.
Publication year: 2003

Armin G. Wildfeuer: Art. Stadium, religiöses, in: D.W. Rehfus (Hg.), Handwörterbuch Philosophie, Göttingen (UTB) 2003, 599f.

Religiöses Stadium

In Kierkegaards Existenz- und Religionsphilosophie (v. a. Krankheit zum Tode , 1849 ) nach dem ästhetischen (sinnlichen) und dem ethischen (sittlichen) Stadium die dritte Stufe der Realisation des existenziellen Selbstverhältnisses des Menschen, dessen Existenz kein fertiges, unveränderliches Sein, sondernWerden und Prozess ist. Während der Mensch auf der untersten Stufe unmittelbar ist, was er ist, nämlich ein sinnliches, auf Genuss hin orientiertes Wesen (ästhetisches Stadium), ohne sich wirklich zur Welt, zu den Menschen, zu sich selbst und zu Gott zu verhalten, er mithin nur uneigentlich, der Möglichkeitnach, aber noch nicht real existiert, ist erst das ethische Stadium eine Stufe wirklichen Existierens, auf der der Mensch sich von sich selbst und dem sein Selbstverständnis bestimmenden Prinzip des Genusses distanziert, dadurch frei wird und sich aus Freiheit und um der Freiheit willen an die Kategorien Gut und Böse bindet. Indem er diese von nun an als unbedingten Maßstab für die Beurteilung seines Handelns anerkennt, wird er zur sittlichen Person, die potenziell am Ewigen teilhat. Indem der Mensch sich dabei auf sich selbst besinnt, ist seine Selbsterkenntnis Gotteserkenntnis, sodass ethisches Existieren im Streben gipfelt, wie Gott zu werden. Seine höchste Vollkommenheit jedoch erreicht der Mensch erst auf der dritten Stufe in der christlichen (religiösen) Existenz (religiöses Stadium), die alle drei Stufen unüberbietbar in sich vereinigt und die freie Entscheidung voraussetzt, Christ zu werden. Während jedoch ethisches Existieren eine dem Menschen prinzipiell verfügbare Möglichkeit seines Seinkönnens ist, die er aufgrund seiner Freiheit aus eigener Kraft wählend zu aktualisieren vermag, hat die christliche Existenz die Bedingung ihrer Möglichkeit außerhalb der Seinsmöglichkeiten des Menschen. Denn durch die Offenbarung erfährt der Mensch, dass er als Sünder durch eigene Schuld des Ewigen verlustig gegangen ist und mit der Negation des Ewigen die Bedingungen seiner Freiheit aufgehoben hat. Um wieder in ein Verhältnis zu Gott zu treten und die verlorene Freiheit zurückzugewinnen, muss die Sünde vom Einzelnen als seine eigene Tat anerkannt und bereut werden. Die Reue als ein Akt der Selbstdemütigung und Selbsterniedrigung wiederholt das Leiden des menschgewordenen Gottes (Inkarnation), der mit und durch Christus das Angebot eines neuen Ewigkeitsverhältnisses macht, durch das der Mensch seine Freiheit und damit ein Sein als Subjekt (seine Subjektivität) neu begründet. Indem der Glaubende mit Christus ›gleichzeitig‹ wird, gewinnt er seine ›ewige Seligkeit‹ – nicht als jenseitigen Lohn, sondern als den sinnstiftenden und sinnerfüllenden Grund seines Lebens.

J. Disse, Kierkegaards Phänomenologie der Freiheitserfahrung , Freiburg/Br. 1992

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J. Sløk, Die Anthropologie Sören Kierkegaards , Kopenhagen 1954

H. Vetter, Stadien der Existenz. Eine Untersuchung zum Existenzbegriff Sören Kierkegaards , Wien 1979